Eisenbahn-Verkehrsordnung
gültig ab 1. Oktober 1928

Anlage B
(zu den §§ 48 (10) und 49 (4))
Nähere Bestimmungen
über die Verladung und Beförderung von lebenden Tieren
I. Verladung

§ 1  Ladeeinrichtungen, Unterkunftsräume

(1) Soweit die Bahnhöfe nach dem Tarif, wenn auch nur beschränkt, für den Tiertransport bestimmt sind, müssen sie nach Maßgabe der Abfertigungsbefugnisse mit Vorrichtungen versehen sind, die ein zweckmäßiges Ein- und Ausladen der Tiere gestatten.

(2) Auf der Oberfläche hölzerner Verladerampen müssen in angemessenen Zwischenräumen Leisten mit abgerundeten Kanten angebracht sein, damit die Tiere sicher fußen können.

(3) Die Oberfläche fester Rampen darf höchstens 1:8, die der beweglichen Rampen höchsten 1:3 geneigt sein.

(4) Die Ladebrücken müssen hinreichend breit und mit mindestens 20cm hohen Schutzleisten an beiden Seiten sowie mit Tretlinien (Abs. (2)) versehen sein. Auch müssen Vorkehrungen zum Schutze gegen seitliches Abdrängen der Tiere getroffen sein.

(5) Auf Bahnhöfen mit regelmäßigem größeren Tierversand sowie auf den Tränkbahnhöfen (§ 5) oder in deren Nähe müssen zur vorübergehenden Unterbringung der Tiere eingefriedete Räume (Buchten oder Bansen) vorhanden sein, von denen ein angemessener Teil überdeckt sein muß. Diese von der Eisenbahn zu schaffenden Räume müssen Brunnen oder Wasserleitung sowie Vorrichtungen zum Anbinden, Füttern und Tränken der Tiere enthalten. Sie müssen in kleinere Abteilungen geteilt sein, in denen die Tiere verschiedener Gattung und das Großvieh (Pferde, Maultiere, Ponys, Rindvieh, Esel u. dgl.) vom Kleinvieh (Schweine, Kälber, Schafe, Ziegen, Hunde, Geflügel u. dgl.) getrennt unterzubringen sind. Muttertiere mit saugenden Jungen bleiben zusammen. Der Fußboden muß so beschaffen sein, daß er ordnungsgemäß gereinigt werden kann.

(6) Für die vorübergehende Unterbringung der Tiere in eingefriedeten Räumen kann eine im Tarif festzusetzende Gebühr erhoben werden, die zugleich als Vergütung für die Benutzung der Einrichtung zum Füttern und Tränken gilt.



§ 2  Wagen

(1) Die Tiere sind in gedeckten oder in hochbordigen offenen Wagen zu befördern. In der Zeit vom 1. November bis zum 31. März dürfen offen Wagen nur auf Antrag des Absenders gestellt werden. Geflügel darf nur in gedeckten Wagen befördert werden.

(2) Mehrbödige Wagen dürfen nur verwendet werden, wenn sie an den Seiten Lattenwände haben; diese müssen so weit aus dichten Brettern bestehen oder mit dichten Klappen versehen sein, daß die Tiere gegen Zugluft von unten geschützt sind und das Herausfallen von Kot und Streu verhindert wird. Diese Bestimmung gilt nicht für die mehr als zweibödigen, zur Geflügelbeförderung bestimmten Wagen. Doch müssen auch bei diesen Wagen die Seitenwände aus Latten bestehen und mit Schutzleisten versehen sein, die das Herausfallen von Kot und Streu verhindern.

(3) Die Unterkästen der Wagen dürfen nur zur Beförderung einzelner unterwegs erkrankter Tiere benutzt werden.

(4) Die lichte Breite der zur Beförderung von Großvieh dienenden Wagen muß mindestens 2,60 m betragen.

(5) Bei Verwendung gedeckter Wagen zur Tierbeförderung sind solche Wagen auszuwählen, die in der Nähe der Wagendecke an den Längs- und Stirnseiten je zwei verschließbare Öffnungen von je mindestens 40 cm Länge und 30 cm Breite haben und außerdem an den Türen mit Vorrichtungen versehen sind, die ihr Offenhalten in einer Breite von 35 cm bei Großvieh und von 15 cm bei Kleinvieh ermöglichen. Bleiben die Türen während der Fahrt ganz geöffnet, so müssen die Türöffnungen durch einen 1,50 m hohen Bretterverschalg oder durch Lattengitter verstellt sein.

(6) Die offenen Wagen müssen bei Verwendung für Großvieh eine Bordhöhe von mindestens 1,50 m und bei Verwendung für Kleinvieh eine Bordhöhe von mindestens 75 cm über dem Fußboden haben.

(7) Zum Festbinden der Tiere müssen Vorrichtungen, wie eiserne Ringe oder dergleichen, in den Wagen angebracht sein.

(8) Die Ladefläche der zur Beförderung von Tieren dienenden Wagen muß an der Außenseite angegeben sein, und zwar bei mehrbödigen und bei den in mehrere Abteile geteilten Wagen derart, daß die Größe eines jeden Raumes ersichtlich ist.

(9) Für die vorhandenen alten Wagen kann der Reichsverkehrsminister Abweichungen von den Vorschriften in Abs. (4) und (5) zulassen.



§ 3  Schutz der Tiere

(1) Die zur Beförderung von Tieren dienenden Behälter müssen geräumig und luftig sein. Die Tiere dürfen nicht geknebelt aufgegeben werden.

(2) Käfige und ähnliche Behälter müssen einen dichten Boden und so weit hinauf dichte Wände haben, daß eine Verunreinigung des Wagens durch Kot und Streu möglichst ausgeschlossen ist. Diese Vorschrift gilt nicht für Geflügel in Wagenladungen. Der Boden der Behälter muß mit Heu, Stroh, Torfmull oder Sägespänen bedeckt sein. Bei der Verladung ist darauf zu achten, daß zu den Tieren ausreichend frische Luft treten kann; insbesondere dürfen andere Güter nicht auf die Behälter und diese nur dann übereinander verladen werden, wenn durch Leisten oder dergleichen dafür gesorgt ist, daß zwischen dem Boden des oberen und dem Deckel des unteren Behälters ein Luftraum von mindestens 3 cm Höhe frei bleibt. Behälter, die ganz oder zum Teil aus Latten bestehen, müssen so beschaffen sein, daß die Tiere nicht einzelne Körperteile hindurchzwängen können, auch müssen sie so hoch sein, daß die Tiere zwanglos darin stehen können. Ferner müssen Käfige oder ähnliche Behälter, wenn die Beförderung voraussichtlich mehr als 36 Stunden dauert, mit zweckmäßigen Vorrichtungen zum Tränken und bei Kleinvieh auch zum Füttern der Tiere versehen sein, sofern nicht der Absender für die Fütterung und Tränkung auf Unterwegsbahnhöfen in anderer Weise gesorgt hat. Die Behälter dürfen beim Ein-, Um- und Ausladen nicht gestoßen, geworfen oder gestürzt werden. Gebrauchte Behälter dürfen nur nach gründlicher Reinigung wieder benutzt werden.

(3) Bei Festsetzung der größten Zahl der in einen Wagen zu verladenden Tiere ist zu berücksichtigen, daß Großvieh nicht aneinander und gegen die Wandung des Wagens gepreßt stehen darf. Dieser Vorschrift ist genügt, wenn sich ein Mann zwischen den eingeladenen Tieren hindurchbewegen kann. Bei der Querverladung muß außerdem zwischen den Tieren und den Wagenwänden so viel Raum verbleiben, daß eine Verletzung der Tiere vermieden wird. Kleinvieh, auch solches in Käfigen, muß die Möglichkeit haben, sich zu legen. Die Entscheidung darüber, ob diesen Vorschriften entsprochen ist, steht dem Aufsichtsbeamten zu.

(4) Großvieh und Kleinvieh sowie Tiere verschiedener Gattung müssen bei Verladung in denselben Wagen durch Schranken, Bretter- oder Lattenverschläge voneinander getrennt werden. Auch in Käfigen oder ähnlichen Behältern müssen Tiere verschiedener Gattung durch Verschläge oder dergleichen voneinander getrennt werden. Für die Beförderung von Muttertieren mit saugenden Jungen gelten diese Vorschriften nicht.

(5) Die mit unverpacktem Geflügel beladenen Wagen sind unter Bleiverschluß zu befördern.

(6) Die Fußböden der offenen und der mehrbödigen Wagen (§ 2 Abs.(2)) dürfen nicht mit leicht entzündlichen Stoffen bestreut werden.


II. Beförderung
§ 4  Züge

(1) Lebende Tiere werden in Viehzügen und Güterzügen, nach näherer Bestimmung der Eisenbahn auch in Personenzügen, befördert.

(2) Viehzüge müssen auf Strecken mit regelmäßigem starkem Viehverkehr an bestimmten, von der Eisenbahn bekanntzumachenden Tagen - regelmäßig oder nur nach Bedarf - nach den bei jedem Fahrplanwechsel festzusetzenden Fahrplänen verkehren; sie müssen derart gelegt sein, daß der Aufenthalt für das auf Anschlußlinien zu- und abgehende Vieh auf das unbedingt nötige Maß beschränkt wird. Bei Aufstellung der Fahrpläne ist für die Tränkbahnhöfe (§ 5) ein ausreichender Aufenthalt vorzusehen.

(3) Steht so viel Vieh zur Beförderung, daß zu seiner Verladung mindestens 20 Achsen erforderlich sind, so ist in Ermangelung anderer Beförderungsgelegenheiten ein besonderer Viehzug abzulassen.

(4) Die durchschnittliche Geschwindigkeit der Viehzüge (Abs.(2)) darf - vorbehaltlich der Befugnisse des Reichsverkehrsministers, bei besonderen Verhältnissen Abweichungen zu gestatten - nicht weniger als 25 Kilometer in der Stunde betragen; soweit Bestimmungen der Eisenbahn-Bau und Betriebsordnung dieser Geschwindigkeit entgegenstehen, ist sie zu ermäßigen. Die für die Tränkbahnhöfe vorzusehenden Aufenthalte (Abs.(2)) bleiben bei Berechnung der durchschnittlichen Geschwindigkeit außer Betracht.



§ 5  Fütterung und Tränkung

(1) Alle Tiere, deren Beförderung 24 Stunden oder länger in Anspruch nimmt, müssen vor der Verladung vom Absender gefüttert und getränkt werden. Dauert die Beförderung mehr als 36 Stunden, so sind die Tiere spätestens nach je 36 Stunden zu füttern und zu tränken. Für die Beförderung von Militärpferden gelten diese Bestimmungen nicht.

(2) Für die unterwegs erforderlichen Fütterungen und Tränkungen sind nach Bedarf besondere Bahnhöfe mit Einrichtungen zu versehen. Diese Bahnhöfe (Tränkbahnhöfe) werden vom Reichsverkehrsminister bestimmt und sind in den Tarifen bekanntzumachen.



§ 6  Verschieben der Wagen

(1) Das Verschieben der mit Tieren beladenen Wagen ist auf das dringenste Bedürfnis zu beschränken und stets mit besonderer Vorsicht vorzunehmen; heftiges Anstoßen ist unbedingt zu vermeiden.



§ 7  Schutz gegen Feuersgefahr

(1) Das Rauchen in den Viehwagen ist verboten, wenn sich darin Stroh, Heu oder andere leicht entzündliche Stoffe befinden.

(2) Bei Beförderung zur Nachtzeit müssen die Begleiter von Viehsendungen gut brennende, gegen Feuersgefahr ausreichend gesicherte Laternen mit sich führen.



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